Dürrenmatt im Staatstheater Cottbus: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“

0
109
DER BESUCH DER ALTEN DAME - Szenenfoto
DER BESUCH DER ALTEN DAME - Szenenfoto (Foto: Marlies Kross)

Aus der Tiefe des Orchestergrabens kommen fünf Männer in farblich fein abgestimmten Anzügen auf die Bühne geeilt. Es sind der Pfarrer (Rolf Gebert), der Lehrer (Thomas Harms), der Polizist und gleichzeitig Bahnhofsvorsteher (Kai Börner), der Bürgermeister (Gunnar Golkowski) und der Kramladenbesitzer Ill (Axel Strothmann), allesamt Bürger der Kleinstadt Güllen. Gespannt erwarten sie den Einuhrdreizehn-Zug, der die Milliardärin Claire Zachanassian (Susann Thiede) bringen soll. Die hieß ehemals Clara Wäscher und war als junges Mädchen ebenfalls Einwohnerin der Stadt. Von ihr und vor allem von ihrem Geld erhoffen sich die Güllener die Erlösung aus der wirtschaftlich und damit finanziell hoffnungslosen Lage ihrer Stadt, denn die Zachanassian soll schon anderen Städten mit Stiftungen und Spenden geholfen haben. Warum nicht erst recht der eigenen Heimatstadt? Alfred Ill, ehemals der Geliebte von Clara, soll und muss das Problem lösen.

Claire Zachanassian steigt, ganz in Weiß gekleidet, mit roter Perücke und einer Renaissancehalskrause wie Elisabeth I., mit ihrem Diener (Amadeus Gollner) aus dem D-Zug, der schon lange nicht mehr in dem verarmten Städtchen gehalten hat. Sie will der Stadt helfen, aber ihre Bedingung ist: Es gibt eine Milliarde, zur Hälfte für die Stadt, zur Hälfte auf alle Güllener Bürger aufgeteilt, wenn Alfred Ill getötet wird. Der hatte sie nämlich als junge Frau geschwängert, die Vaterschaft vor Gericht mit zwei gekauften Zeugen abgestritten und sie damit ihrem Schicksal überlassen. Sie musste sich prostituieren, heiratete in siebenter Ehe den Ölmilliardär Zachanassian und will sich nun Gerechtigkeit von den Güllenern kaufen. Die sind zunächst moralisch entrüstet und weisen das Ansinnen mit den heroischen Sätzen des Bürgermeisters: „Ich lehne im Namen der Stadt das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm als blutbefleckt“ weit von sich.

Aber Claire Zachanassian kann warten.

Auf der Drehbühne hat Bühnenbildnerin Annegret Riediger, die auch die Kostüme entwarf, eine Stellage aus schwarzen Pfeilern errichten lassen, die vier Handlungsorte bietet. Eine Freitreppe zu einer kleinen Plattform, das Hotelzimmer der Milliardärin, das wie das Netz einer Spinne über allem thront, andeutend. Die Treppe bildet auch die Verbindung zur Stadt. Das Gewirr der Pfeiler auf der Rückseite wird zum Konradsweiler Wald. Außerdem gibt es den Kramladen der Familie Ill und schließlich eine Amtsstube, wechselseitig knapp gekennzeichnet als die des Polizisten, des Pfarrers oder des Bürgermeisters. An den beiden Bühnenportalen befinden sich in großer Höhe zwei Videoleinwände, auf denen immer gleichzeitig entweder Frau Zachanassian in einem unendlich verlangsamten Video (Video: Jan Isaac Voges) zu sehen ist oder auch einmal ein übergroßes Foto Alfred Ills. Claire ist ebenfalls in den Amtsstuben allgegenwärtig, denn dort überträgt ein riesiger Bildschirm ihre stete Anwesenheit.

Regisseur Ronny Jakubaschk hat eine Fassung erarbeitet, die die 32 Rollen, die Dürrenmatt vorgesehen hatte, konsequent auf 10 Figuren zusammenstreicht. Neben den schon erwähnten männlichen Güllenern kommt später noch die Familie Alfred Ills, seine Frau (Sigrun Fischer) und seine Kinder (Sophie Bock und David Kramer) dazu. Damit konzentriert sich das Geschehen vor allem auf die männlichen Honoratioren der Stadt und deren Auseinandersetzung mit Alfred Ill, der zunehmend ängstlicher wird, weil er spürt, dass die Stadt von ihm ein Opfer erwartet oder herbeiführen wird. Unmerklich verändern sich die Bürger und die Stadt, man macht Schulden, kleidet sich neu ein, tätigt Anschaffungen und alles auf Pump, und man biedert sich bei der Milliardärin an, bis schließlich alle Güllener außer Alfred bleich geschminkte Gesichter und rote Haare tragen. Dazu liegt fast ständig ein bedrohlich klingender Sound (Musik Matthias Manz) unter den Szenen, wenn nicht eine „armenische Volksweise“, erinnernd an die Herkunft des Reichtums der Zachanssian, die Szenenwechsel begleitet und auch nach der Vorstellung im Ohr hängenbleibt. Die vier Herren Golkowski, Harms, Börner und Gerbert untermalen stimmlich sehr schön den Besuch des ehemaligen Liebespaares im Konradsweiler Wald, ahmen auf witzige Weise, wie Dürrenmatt es auch vorsieht, das Getier des Waldes nach oder singen später gekonnt mehrstimmig einen Trauerchoral.

Axel Strothmann spielt den Ill, der zu Beginn von sich sehr überzeugt und später zunehmend verängstigt, verzweifelt und schließlich gebrochen ist, ohne zu überziehen. Sigrun Fischer als seine Frau gestaltet sie als die Kleinstädterin, die nie groß aus dem Ort herausgekommen ist und der man auch das etwas Spießige ansieht und anmerkt.

Die vier Herren, die neben den Angehörigen von Alfred Ill exemplarisch für die korrumpierbare und manipulierbare Bevölkerung stehen, werden von Gunnar Golkowski, Rolf Gebert, Thomas Harms und Kai Börner in eindrucksvoller Ensembleleistung gezeigt. Diese kulminiert in der Szene, in der alle vier Alfred Ill ermorden, indem sie ihn sich in den Sarg legen lassen und minutenlang auf dem geschlossenen Sargdeckel sitzenbleiben, bis das verzweifelte Klopfen Alfreds erstirbt. Was da in den Gesichtern der vier Schauspieler passiert und bei den Zuschauern in den Köpfen an Bildern entstehen ließ, war sehr bemerkenswert.

In der Figur des Butlers fasst Regisseur Jakubaschk gleich neun Figuren des Dramatikers zusammen, und heraus kommt eine von Amadeus Gollner verkörperte skurrile Person im Frack, manchmal Damenpelzmantel, langen, wallenden Haaren – ein Faktotum, dem Wortsinn verpflichtet, Mädchen für alles zu sein. Er ist ganz Diener seiner Herrin, schleppt einen Sarg ins Hotelzimmer, verteilt auf ihre Anweisung hin Geld, belauscht, wo es nur geht, die Güllener und übernimmt später auch noch Texte, die eigentlich von Dürrenmatt einem Reporter zugedacht sind.

Die Claire Zachanassian der Susann Thiede ist ein Monument und eine Metapher. Wer ein wenig die Geschichte Elisabeth I. aus dem Hause Tudor kennt, wird nachvollziehen können, warum das Regieteam zu diesem Kostüm griff. Aber auch ohne diese Kenntnisse wirkt die Protagonistin darin fremd, abgehoben, übermäßig erhöht und den ehemaligen Mitbewohnern weit entfernt. Die Thiede gibt die Figur eiskalt, man merkt ihr keine menschlichen Regungen an. Aber dadurch ist es auch schwer, mit dem Schicksal dieser Frau Mitleid zu haben. Vielleicht ist das gar nicht erwünscht, doch einige Brüche in der Spielweise wären zumindest der Dürrenmattschen Intention, dass er „Menschen und keine Marionetten“ beschreibe (s. Anmerkungen I, geschrieben 1956 für die Erstausgabe), nahegekommen.

Dürrenmatt hat mit dem „Besuch der alten Dame“ 1956 eine Tragikomödie geschrieben, die nichts an ihrer Aktualität verloren hat. In der Tat bleibt einem im Laufe des Abends immer mehr das Lachen im Halse stecken. Die Zuschauer erleben einen spannungsgeladenen Psychothriller, der bei der Premiere zu Recht mit lang anhaltendem Beifall belohnt wurde.

Angelika Koch

Cover Blicklicht Ausgabe Mai 2019

Dieser Artikel erschien zuerst in der Mai-Ausgabe unserer Kulturzeitschrift “Blicklicht“.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.