Dürfen Faschisten Helden sein?

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Menschem im Kino
Menschem im Kino (Foto: Pixabay/CC0)

Mit dem Begriff „Propaganda“ verbinden wir in der Regel nichts Gutes. Laut „Politlexikon für junge Leute“ bedeutet er die gezielte und systematische Verbreitung von politischen Ideen, Weltanschauungen oder Meinungen. Bei politischer Propaganda gehe es dabei auch um die Manipulation von Meinungen und Einstellungen. Das ist der Hauptvorwurf, der dem Begriff sein Negativimage verleiht.

Behaupten wir nun, ein Film sei Propaganda, kleben wir ihm schon ein negatives Etikett auf. Fast unvermeidlich denken wir an Filme wie „Triumph des Willens“ und „Olympia“ von Leni Riefenstahl, an „Jud Süß“ oder den abstoßenden Film „Der ewige Jude“. Was uns oft nicht bewusst ist: Propaganda wird in den meisten Fällen sehr subtil an den Zuschauer gebracht.

Im Februar 2017 kam der Dokumentarfilm „Hitlers Hollywood“ von Rüdiger Suchsland in die deutschen Kinos. Er zeigt an zahlreichen Beispielen, dass es die Nationalsozialisten sehr gut verstanden, mit Unterhaltungsfilmen ihre Weltanschauung zu verbreiten, ohne dass es sofort auffiel.

Ähnliches zeigte 2009 die österreichische Plattform für Filmvermittlung „filmABC“ am Beispiel von bekannten Hollywoodfilmen. „Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ mit Tom Cruise kann man kaum anders als Imagefilm für die US-Navy bezeichnen. Mit einer ästhetischen Darstellung des Militärs und des Kampfes wird dem Krieg der Schrecken genommen und für den Zuschauer annehmbar gemacht. In Roland Emmerichs „Independence Day“ kommt der gesamte us-amerikanische Größenwahn zum Ausdruck. Der Film handelt davon, dass sich die Menschheit hinter der „einzig wirklichen Großmacht“, nämlich den USA, versammelt und von ihr gerettet wird. Eine ähnliche Aussage transportiert unter anderem auch der Katastrophenfilm „Armageddon“.

Der spanische Journalist und Medienwissenschaftler Ignacio Ramonet schrieb einmal über den amerikanischen Western: „Nicht wenige Cineasten mussten sich eingestehen, dass der Stoff, aus dem ihre Lieblingsfilme sind, bei näherer Analyse und ungeachtet der Tatsache, dass es auch in diesem Genre unbestreitbar Meisterwerke gibt, die unangenehmsten politischen Implikationen mitführt: Er ist rassistisch, militaristisch, kolonialistisch, machistisch, imperialistisch“.

Es ist scheinbar egal, welches Filmgenre wir vor uns haben, immer werden bestimmte gesellschaftliche und politische Werte und Aussagen vermittelt, seien es bestimmte Frauen- und Rollenbilder, Werte wie Opferbereitschaft und Heldentod, bestimmte Schönheitsideale oder Feindbilder.

Was Hollywood kann, können natürlich auch andere, und wenn Hollywood als dominante Kraft auf dem weltweiten Filmmarkt Geschichte umschreibt und die Außenpolitik der eigenen Regierung flankiert, dann muss sich niemand wundern, wenn dieses Vorgehen Nachahmer in anderen Ländern findet.

Die Länder Osteuropas sind wahrscheinlich für Propaganda in besonderem Maße prädestiniert. Jeder Staat braucht einen Mythos, eine Erzählung, über die er seine Existenz legitimiert. Nach dem Ende des realexistierenden Sozialismus und nach dem Zerfall des sowjetischen Staatsverbandes brauchte es neue ideologische Fixpunkte und Erzählungen, und im Nationalismus wurden sie wiederentdeckt. Nationalistische und antikommunistische Propaganda findet seitdem in diesen Ländern auch wieder Ausdruck in der Kunst.

Vor diesem Hintergrund ist es nachzuvollziehen, dass sich ein Filmfestival wie das Cottbuser (FFC) dem nicht entziehen kann und auch Propagandafilme zeigt. Das Ansinnen der FFC-Leitung, diese Filme in einem Diskurs kritisch zu hinterfragen, sollte man auf jeden Fall unterstützen. Doch wo ist die Grenze des Erträglichen? Ab wann sollte man Filme besser nicht mehr zeigen?

CHERVONIY überschreitet diese Grenze. Regisseur Zaza Buadze erzählt darin vom Widerstand ukrainischer Unabhängigkeitskämpfer in einem sowjetischen Zwangsarbeitslager im Jahre 1947. Zum Tragen kommt ein sehr simples Gut-Böse-Schema. Hier die guten, aber unterdrückten Ukrainer, da die sadistischen Sowjetrussen als Lagermannschaft. Der ursprünglich aus Georgien stammende Regisseur sagte im Anschluss an die Vorführung laut Internetportal www.filmdienst.de: „Es ist ein Genrefilm, ein ‚Western‘ oder besser ein ‚Eastern‘, es geht mir nicht um Politik“. Geglaubt hat ihm das wohl niemand.

Die Festivalleitung hatte auf den umstrittenen Charakter der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) und auf ihre Verwicklung in Massenverbrechen während des Zweiten Weltkrieges hingewiesen. Um die UPA zu charakterisieren und zu zeigen, wen Buadze in seinem Film zu Helden stilisieren will, reicht dieser Hinweis aber nicht.

Nach dem Ersten Weltkrieg bekannten sich die nationalistischen Bewegungen in einigen Ländern Osteuropas zum Faschismus, so auch die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), als deren militärischer Arm später die UPA gegründet wurde. Führende OUN-Kader wurden von Mussolini ausgebildet. In der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (Ausgabe 42-43/2017) hieß es, die Ideologie der OUN habe sich in den 1930er Jahren umfassend faschisiert. Dem Faschismus zugeneigt war man allerdings schon vorher. Zu ihrem Ziel gehörte es, die Ukraine von Polen, Russen, Juden und anderen „Feinden“ zu säubern. Anfang der 1940er wurde das „Führerprinzip“ in der OUN eingeführt, mit Stephan Bandera an der Spitze.

Die Hälfte aller ukrainischen Juden – etwa 800.000 – wurden in der Westukrainie ermordet. Ohne Mitwirkung der Bandera-Anhänger wäre es den Deutschen nicht möglich gewesen, so viele Menschen in so kurzer Zeit zu ermorden, dessen sind sich die Historiker einig. Nachdem Ostgalizien und Wolhynien von den Deutschen für „judenfrei“ erklärt wurden, begann die OUN mit der massenweisen Ermordung von Polen. Nach der Befreiung der Ukraine durch die Rote Armee kämpfte die UPA hinter der Front weiter. Allein in den ersten beiden Jahren wurden rund 15.000 mit der Sowjetunion sympathisierende Menschen ermordet. Ende der 1940er Jahren wurde die UPA in Polen zerschlagen, in der Sowjetunion machte sie bis Ende der 1950er Jahre weiter – unterstützt vom us-amerikanischen, britischen und deutschen Geheimdienst.

Die Botschaft von Buadzes Film ist klar: Er rehabilitiert die ukrainischen Faschisten, er stilisiert Massenmörder und Terroristen zu Freiheitskämpfern und Helden. Mit den Worten des Rezensenten auf filmdienst.de: „Mit allen Genreeffekten und konventionellen Spannungsbögen steht der Film für das Geschichtsbild eines radikalen ukrainischen Nationalismus“.

Blicklicht-Cover Januar 2019: "Die Krake" von Nastassia Adamski
Blicklicht-Cover Januar 2019: “Die Krake” von Nastassia Adamski

 

In der Januar-Ausgabe unserer Kulturzeitschrift “Blicklicht” bildeten wir eine Diskussion zum Filmfestival in Cottbus ab. In dieser Diskussion ging es um nationalistische Propagandafilme auf dem Filmfestival und Grenzen des Zeigbaren. Dieser Artikel und das Interview “Prozesse nicht schönreden, die nicht schön sind” sind die bisherigen Wortmeldungen in dieser Diskussion.

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