„Ihre Strategie ist das Schüren von Angst“

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In der Corona-Krise sollte der Staat stärker hinterfragt werden.
(Bild: PIRO4D auf Pixabay)

Ein Gespräch mit der Journalistin Susan Bonath.

Frau Bonath, Sie haben sich in den letzten Monaten intensiv mit der Politik in der Corona-Pandemie beschäftigt. Viele Menschen verstehen die politischen Vorgaben nicht mehr. Woran liegt das? Hat die Politik ein Kommunikationsproblem?

Dass viele den Sinn der Maßnahmen nicht verstehen und wütend auf die Politik sind, wundert mich nicht. Die Maßnahmen sind nicht nur in sich widersprüchlich, sondern massiv autoritär. Da wäre etwa die Maskenpflicht, die nun auch in den Schulen gilt, in Nordrhein-Westfalen sogar im Unterricht: Es gibt keine Studie, die einer selbst genähten Stoffmaske eine medizinische Wirkung bescheinigt. Deshalb verbietet das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte Verkäufern, damit zu werben. Auf seiner Webseite bezeichnet es die Masken als „modisches Gesichtstextil“.

Und man sollte auch fragen: Warum herrscht im Bundestag keine Maskenpflicht, an Schulen aber schon? Oder: Warum müssen sogar negativ getestete Kontaktpersonen zwei Wochen in Quarantäne hocken? So einen Eingriff in die Grundrechte müssten Behörden gut begründen, also nachweisen, dass von den Leuten akute Ansteckungsgefahr mit einem sehr gefährlichen Virus ausgeht. Das tun sie nicht, in keiner Hinsicht. Die Bundesregierung hat kein Kommunikationsproblem, sondern keine validen Argumente, und ihre Kommunikationsstrategie ist das Schüren von Angst.

Sie haben viel mit dem Robert-Koch-Institut zu tun gehabt. Wie schätzen Sie dessen Öffentlichkeitsarbeit ein?

Ich bin entsetzt über die Arbeit der obersten Gesundheitsbehörde dieses Landes. Ich habe alles versucht, einfache, klare und eindeutige Fragen zu stellen. So wollte ich etwa wissen, wie viele PCR-Tests inzwischen auf dem deutschen Markt sind und genutzt werden, und wie hoch deren ermittelte Fehlerquote ist. Statt darauf zu antworten, werfen sie mit hochwissenschaftlichen Begriffen um sich und verlinken auf Webseiten, in denen auch keine Antwort auf diese Fragen zu finden ist.

Die vom RKI veröffentlichten Zahlen werden von verschiedenen Seiten kritisiert. Auch Sie haben darauf hingewiesen, dass die Zahlen wenig aussagekräftig sind. Können Sie das näher erklären?

Bei einer Pandemie verbreitet sich ein Virus zunächst unbemerkt innerhalb der Bevölkerung. Wir merken das, wenn viele Menschen plötzlich krank werden. Wenn etwa das Rhinovirus grassiert, bekommen viele Leute Schnupfen. Wer ein gutes Immunsystem hat, wird weniger krank, andere liegen zwei Wochen flach. Würden wir dann alle Menschen mit einem PCR-Test, der Virusgenom-Sequenzen nachweist, auf Rhinoviren testen, bekämen wir wohl zig Millionen Virusträger, von denen jedoch nur ein Teil krank wäre.

So ähnlich gehen die WHO und das RKI mit der Coronapandemie um. Da werden Abermillionen Tests produziert, jede Laborfirma kann die nachbauen und auf den Markt bringen, Profite damit einfahren – um Sequenzen von Sars-Coronaviren zu messen.

Um nur einige dadurch entstehende Probleme zu nennen: Alle PCR-Tests weisen Fehlerquoten auf, je weniger ein Virus in einer Testgruppe verbreitet ist, desto mehr falsch positive Ergebnisse bekommt man, während die möglichen falsch negativen Ergebnisse naturgegeben zurückgehen. Das RKI bezieht das nicht in seine Berechnungen ein. Es wirft einfach alle Positivtests auf einen Haufen und generiert „Fälle“. Das RKI macht auch nicht transparent, wie viele „Positive“ gar nicht krank sind – das sind immerhin zwischen 30 und 80 Prozent -, wie viele leichte oder schwere Symptome haben oder gar ins Krankenhaus müssen. Es summiert einfach die Positiv-Fälle unter Covid-19. Covid-19 ist aber eine Lungenkrankheit. Viele Positive haben diese Krankheit aber nicht.

Haben Sie das RKI dazu befragt, ob alle positiv auf das SARS-Coronavirus-2 Getesteten krank und ansteckend sind?

Ja, und interessanter Weise erklärt es dazu, dass ein positiv Getesteter ohne Symptome nicht krank ist und man auch nicht sagen könne, ob er ansteckend sei. Man fasse die Fälle trotzdem unter Covid-19 zusammen, weil das gängige Praxis sei, auch die der WHO. Das ist schlicht unwissenschaftlich und mich wundert, dass nicht sämtliche Mediziner auf die Barrikaden gehen.

Die Maskenpflicht ist ein Thema, dass die Gesellschaft besonders spaltet. Woran liegt das?

Die Alltagsmaske ist ein sichtbares Symbol. Sie suggeriert den Ängstlichen – trotz ihrer unbewiesenen Wirkung – ein Gefühl der Sicherheit vor dem ultimativen, aber unsichtbaren Feind, dem Virus. Die Medien werden derweil nicht müde, das Tragen der Maske als vernünftig zu bezeichnen. Man gehört also zur „guten Gruppe der Vernünftigen“ und wird zugleich besser mit seiner Angst fertig. Für sie ist die Maske ein Mittel, ein Gefühl der Selbstwirksamkeit zurück zu erlangen. Wer keine Maske trägt, wird zur Bedrohung, und das Gefühl der Bedrohung erzeugt Aggressionen in Menschen.

Für weniger Ängstliche symbolisiert die Maske Unterwerfung. Sie fühlen sich durch die Maske in besonderer Weise ihrer Selbstwirksamkeit beraubt, und zwar von denen, die ihren die Maske aufzwingen wollen. Auch das macht aggressiv.

Wenn Kinder in Quarantäne müssen, wird Eltern mitunter gedroht, die Kinder aus der Familie zu nehmen. Können Sie dazu etwas sagen?

In den meisten Fällen hat nur ein positiver Coronatest zur Schulschließung geführt. Die meisten Kinder, die die Behörden zwei Wochen in Quarantäne stecken, sind ja nicht krank, viele sind negativ getestet. Wenn dann noch Gesundheitsämter damit drohen, das Kind in ein Heim zu bringen, wenn die Eltern es nicht auch noch in ein Extrazimmer sperren, dann empfinde ich das als amtlich verordnete Kindesmisshandlung.

Ein Trend ist während der Pandemie zu vermerken: Irrationale Erklärungsmuster und Verschwörungstheorien erleben einen Aufschwung; rechtes und neoliberales Gedankengut erfasst immer breitere Kreise der Bevölkerung. Können Sie das bestätigen?

Tatsächlich versuchen Rechtsextreme auf den Zug der Maßnahmen-Kritiker aufzuspringen. Das tun sie aber bei jedem Thema, wie etwa bei Hartz IV, Occupy oder den Friedensmahnwachen. Und da Rechte nun mal Kapitalismusfans sind, schieben sie Probleme gern Einzelpersonen wie George Soros, Bill Gates oder Angela Merkel in die Schuhe. Dabei geht es ja um ein strukturelles Problem, etwa, dass der Kapitalismus arm und reich erzeugt und Krisen mit sich bringt. Derzeit wird eine akute Wirtschaftskrise mit Corona gemanagt. Letzteres müssten Linke den Leuten erklären. Aber die meisten Linken stecken offenbar selbst in der Angstspirale fest und rühren sich nicht. Das ist fatal.

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2 KOMMENTARE

  1. Endlich eine Veröffentlichung jenseits der “alternativlosen” öffentlichen Stimmungsmache zum Thema Corona… Weiter so…!

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