„Prozesse nicht schönreden, die nicht schön sind“

Ein Gespräch mit dem Programmdirektor des Cottbuser Filmfestivals Bernd Buder

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Der Film CHERVONIY lief beim Filmfestival Cottbus in der Reihe
Der Film CHERVONIY lief beim Filmfestival Cottbus in der Reihe "Close Up UA". (Foto: Filmstill © Insightmedia)

Herr Buder, im Rahmen des 28. Filmfestivals wurden unter anderem in der Reihe „Close-Up UA“ nationalistische Propagandafilme gezeigt. Sie wollten damit einen Diskurs anstoßen. Wieso und wie kann dieser gelingen?

Ich befürchte, dass die Produktion nationalistischer, patriotischer, historischer – um nur drei Etiketten zu nennen – Filme in nächster Zeit nicht abreißen wird. Die Ukraine ist ja hier kein Einzelfall. Im Rahmen der Ukraine-Reihe auf dem FilmFestival Cottbus 2018 war es mir wichtig, die Filme CHERVONIY sowie CYBORGS ins Programm aufzunehmen, auch um ein Nachdenken über die politische Kultur in der Ukraine und deren Perspektive auf Geschichte zu provozieren: die dortigen Narrative, die die „Unabhängigkeitsbewegungen“ in den 1930er/40er-Jahren in ein positives Licht rücken wollen und dabei Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Allianzen mit Hitler-Deutschland, Zusammenarbeiten mit SS und Wehrmacht und damalige und aktuelle faschistische und rechtsextreme Tendenzen herunterspielen, werden hierzulande aus geopolitischem Interesse zu oft und dabei auch bewusst übersehen. In dieser Hinsicht wird aus einem ukrainischen Diskurs ein Diskurs, der für die politische Kultur in Europa von Belang ist.

Entsprechend wird in unserem Katalogtext zu dem Film CHERVONIY zugespitzt gefragt: Wie weit darf Patriotismus heute gehen? Ich bin der Meinung, dass man, um über dieses Phänomen reden zu können, das entsprechende Material kennen sollte. Eine reine Verteufelung reicht nicht aus – die Debatten um Filme wie die türkischen TAL DER WÖLFE-Kinospielfilme und den polnischen SMOLENSK haben gezeigt, wie schwierig es ist, wenn zu viele Leute über Filme reden, die sie nicht gesehen haben. Spekulationen, Fake-News und Verbotsforderungen werden laut, Verschwörungstheorien mit Verschwörungstheorien beantwortet, handwerklich schlecht gemachten Filmen wird auch von ihren Kritikern eine Bedeutung attestiert, die sie nicht haben – mit einem Wort: ohne Faktenkenntnis droht ein Diskurs, von verschiedensten Seiten gekapert zu werden.

Gibt es für Sie Grenzen, ab denen ein Propagandafilm nicht mehr diskussionswürdig ist?

Unbedingt, das hängt allerdings immer vom jeweiligen Film ab. In CYBORGS und CHERVONIY sind die Protagonisten meiner Meinung nach dermaßen überzeichnet, dass sich eine Identifikation mit den Protagonisten auf der Leinwand nicht einstellt, da eine psychologische Unterfütterung fehlt. Schwieriger wäre es z.B. mit Filmen wie dem estnischen „1944“ oder dem albanischen „Dear Enemy“, in denen ein Wehrmachtssoldat bzw. -offizier als Identifikationsfiguren angeboten werden: kultivierter und feinfühliger als ihre sowjetischen bzw. kommunistischen Partisanen-Gegner, gleichwohl „schicksalhaft“ mit einer Macht verstrickt, deren Verbrechen nicht oder kaum thematisiert werden. Her werden Mitläufer bzw. Mit-Täter zu Opfern, ohne dass deren Schuldfrage thematisiert wird, und das mit hohem Identifikationspotential: der Wehrmachtssoldat am Klavier, bei der Weihnachtsfeier, als Versteckter im Kreis der Familie, wo er versteckt wird. Dass Propagandafilme, die den Holocaust leugnen, den Verlauf der Geschichte vollkommen auf den Kopf stellen oder offensiv Kriegsverbrechen leugnen, nicht auf die Leinwand gehören, versteht sich von selbst.

Wenn offenkundige Propagandafilme bei einem renommierten Filmfestival gezeigt werden, besteht die Gefahr ihrer Aufwertung. Welche Rahmenbedingungen müssten Ihrer Meinung nach gegeben sein, um das zu verhindern? Welchen Beitrag kann das Filmfestival leisten, um sich mit Geschichtsklitterung in osteuropäischen Ländern nachhaltig auseinander zu setzen?

In den Texten im Programm-Magazin und im Festivalkatalog haben wir deutlich gemacht, wie wir die von uns gezeigten Filme in ihrer Bedeutung für den Diskurs über Geschichte in der Ukraine und den Folgediskurs hierzulande einschätzen. Sie wurden im Kontext der Reihe Close-Up UA zusammen mit anderen Filmen gezeigt, die die politische Kultur in der Ukraine kritisch reflektieren. Ein derartiges Konzept zielt darauf ab, die unterschiedlichen Positionen – in diesem Fall in der Ukraine – darzustellen, um fundierter darüber sprechen zu können. So fand sich z.B. im selben Programm mit CYBORGS, der den Kampf um den Flughafen Donezk von ukrainischer Seite aus ins Heldenhafte überzeichnet, der Dokumentarfilm THE WAR OF CHIMERAS, der die tödlichen Konsequenzen der Kriegsbegeisterung zeigt.

Als Filmfestival sitzt man damit zugegebenermaßen zwischen den Stühlen: wie gesagt, sollte man das Phänomen kennen, über das man redet, andererseits kann man dem Publikum nicht vorschreiben, wie es die Filme rezipiert. Die Produzenten haben ja mitbekommen, dass die Filme nicht im Wettbewerb oder im Spektrum laufen, womit sie tatsächlich aufgewertet werden würden. Ihnen wurde der Kontext der Reihe erklärt, genauso der Filmförderung in der Ukraine, die übrigens in diesem Fall bewusst nicht angesprochen wurde, ob sie Interesse hätte, die Reihe zu unterstützen. Die persönlichen Gespräche mit Produzenten, Regisseuren, Förderern, Filmjournalisten und Festivalmachern, in denen wir auf Recherchereisen und auf internationalen Filmfestivals Feedback nicht nur zur künstlerischen Qualität, sondern auch zu den inhaltlichen Aussagen der gesichteten Filme geben, gehören zu den nicht-öffentlichen, aber wichtigen Beiträgen von internationalen Filmfestivals, um filmische Narrative auf politische und historischen Prozesse zu hinterfragen. Oder, deutlicher gesagt, ich fahre nicht nach Odessa, gucke mir CHERVONIY an und sage „toll, auf solch einen ukrainischen Helden haben wir in Deutschland schon lange gewartet“, sondern mache durchaus deutlich, dass ich derartige Geschichtsbetrachtungen mindestens problematisch finde.

Im internationalen Titel heißt CYBORGS (ukrainischer Originaltitel: KYBORGY) übrigens CYBORGS – HEROES NEVER DIE, was die Rezeptionsperspektive des Zuschauers schon einmal verschiebt, auf dem deutschen Markt wird die DVD unter dem Titel LAST RESISTANCE – IM RUSSISCHEN KREUZFEUER vertrieben, womit der Film eine noch stärkere geopolitische Konnotation erhält.

Filme sind als Propagandamittel an sich nichts Neues. Wir kennen das beispielsweise von der UFA oder von Hollywood. Sollte man nicht – mit Blick auf die nationalistische Propaganda – anders über das Phänomen diskutieren, anstatt die Filme auch noch zu zeigen?

Wie betont, sollte man wissen, worüber man redet, wenn man über etwas redet. Wer über Propagandafilme und die bewusste Verschiebung von Geschichtsnarrativen redet, sollte daher das Material, das im Zentrum der Analyse steht, zur Verfügung stellen.

Die Produktion von nationalistischen Stoffen wird nicht abreißen: auf dem Filmmarkt in Cannes lief z.B. der russische TANKS FOR STALIN, der den Stalinismus glorifiziert und immanent sowjetische Geschichte zur russischen umschreibt, und nach Russland hat ja die Ukraine einen Fonds für das patriotische Kino gegründet, in Kroatien entsteht ein filmisches Heldengemälde auf General Gotovina, die nationalistischen Filme in der Türkei gehören dort ja zum Mainstream – so werden sich Filmfestivals weiterhin mit dem Thema beschäftigen müssen, um nicht Prozesse schönzureden, die nicht schön sind.

Eine „offene Leinwand“ für nationalistische Narrative wäre aber fatal, eine tiefergehende wissenschaftliche Einordnung – etwa durch Historiker – wünschenswert. In diesem Sinne bin ich zwar nicht glücklich über Ihren Einwurf, wir würden „Nazipropaganda eine Bühne“ bieten, weil das ja genau das Gegenteil unserer Intention suggeriert, aber froh, eine zumindest kleine Diskussion losgetreten zu haben, die meines Erachtens längst überfällig war.

Man sollte im Übrigen auch über etwas reden, über das nicht geredet wird. In Ungarn zum Beispiel werden gerne Filme gefördert wie JUPITER’S MOON, in dem ein Geflüchteter die Hauptfigur ist und dabei fast zum Heiligen verklärt wird, SON OF SAUL fügt der Darstellung des Holocaust im internationalen Film einen wichtigen Beitrag zu. Zur Regierungspraxis Orban, zum desolaten Zustand der gegenwärtigen politischen Kultur in dem Land gibt es keinen Film, der von der ungarischen Filmförderung unterstützt wurde – hier stellt sich eine Regierung über das Werkzeug seiner Filmproduktion in deutlich besserem Licht dar, als es sein sollte. Oder, wieder deutlicher: ungarische Filme sind politisch korrekt, die Regierungspraxis ist es nicht. Die Rezipienten dieser Message – internationale Filmfestivals – reagieren wie gewünscht: auf dem rechten Auge blind. Auch das wäre eine Diskussion Wert.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Bernd Müller.

Blicklicht-Cover Januar 2019: "Die Krake" von Nastassia Adamski
Blicklicht-Cover Januar 2019: “Die Krake” von Nastassia Adamski

In der Januar-Ausgabe unserer Kulturzeitschrift “Blicklicht” bildeten wir eine Diskussion zum Filmfestival in Cottbus ab. In dieser Diskussion ging es um nationalistische Propagandafilme auf dem Filmfestival und Grenzen des Zeigbaren. Dieses Interview und der Artikel “Dürfen Faschisten Helden sein” sind die bisherigen Wortmeldungen in dieser Diskussion.

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