Mut zur modernen sorbischen Musik

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Musik mit der Gitarre
(Bild: William Iven auf Pixabay)

Herr Kliem, das sorbische Programm des rbb veranstaltet im Oktober SerbPop im Gladhouse, ein Konzert mit sorbischer Musik, mit Workshops und Folktanz. Stellen Sie doch das Projekt kurz vor.

Mit SerbPop haben wir ein neues Konzertformat für sorbische Musik entwickelt. Um den Hintergrund zu verstehen, müssen wir ein paar Jahre zurückblicken. Damals gab es schon einmal eine Kooperation mit dem Konservatorium. Bei dem Konzert mit sorbischen Nachwuchskünstlern wurden aber vor allem klassische Stücke gespielt. Weil sich im Anschluss niemand mehr richtig darum gekümmert hat, ist das Projekt jedoch eingeschlafen.

Letztes Jahr hatten wir die Idee, das Projekt wieder neu zu beleben, aber gleichzeitig etwas Neues in einem Jugendformat zu machen, so dass junge Menschen auch eher einen Zugang bekommen. Letztlich hat es eine andere Richtung bekommen.

Wir vom sorbischen Programm produzieren jedes Jahr neue sorbische Musik für unsere Radiosendungen. Nun ist es aber so, dass aus der sorbischen Community nicht jedes Jahr 20 CDs kommen, also helfen wir ein wenig nach. Für uns bietet sich dadurch auch die Chance, neue Impulse zu setzen und junge Künstler zu suchen oder auf bestehende Formate zurückzugreifen und mit ihnen auf Sorbisch Musik zu machen. Für mich war dabei wichtig, dass es sich dabei nicht nur um Schlager und Blasmusik handelt, sondern die ganze Bandbreite von Musikstilen abdeckt, die man heute hört, die vor allem die Jugend hört.

Seit etwa zwei Jahren begleite ich diese Produktionen und mir ist dabei immer wichtig gewesen, dass es echte Menschen sind, mit denen wir da arbeiten. Lange Zeit hat man sich auf Produktionsstudios konzentriert, in denen Schlagermusik entstand. Da wurde ein Sänger eingeladen und der Rest kam vom Band. Ich möchte aber echte Musiker haben, die auch Zugang zum Sorbischen finden.

 

Wie Sie jetzt schon angedeutet haben, treten beim SerbPop auch Gruppen auf, die eigentlich nicht sorbisch sind. Wie schwer ist es, „deutsche“ Gruppen zu finden, die sich dann auch der sorbischen Sprache und Kultur annehmen?

Es ist ganz richtig, man findet nicht so viele auf Sorbisch musizierende Bands. Deshalb bin ich in die Breite gegangen und habe geschaut, wen es in der Region so alles gibt. In diesem Jahr haben wir  zum Beispiel den PopKon-Chor gewonnen, und wir haben ein Jazz-Trio dabei. Beide Formationen haben von sich aus nicht viel mit dem Sorbischen zu tun, bringen aber den Mut auf, Neues auszuprobieren und sich dem Sorbischen zu nähern.

Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass es gerade Musiker aus der Region oder die, die von hier kommen, spannend finden, mal etwas auf Sorbisch zu machen. Wir haben Gruppen in Leipzig oder in Berlin mit Bezug zur Region, die sich dann denken, das probiere ich einfach mal aus.

 

Eine Musikszene lebt ja auch auf der einen Seite vom Publikum und auf der anderen Seite macht die Szene auch die Zahl der Künstler aus. Wir groß ist denn die sorbische Musikszene? Und erreicht man in der Region viele Menschen mit sorbischer Musik?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Die typischen Formationen, von denen man sagt, sie gehören zur sorbischen Musik, das sind Chöre, Folkloregruppen, Tanzensembles, natürlich auch das Sorbische Nationalensemble in Bautzen. Das sind Sachen, die noch aus DDR-Zeiten her gewachsen sind. Dann hat man auch einige wenige jüngere Bands.

Besonders karg sieht es hier in der Niederlausitz aus. Von einer sich selbst erhaltenden Szene kann man nicht sprechen, es gibt nur ganz wenige Akteure, die auch von selbst sagen: „Ich will sorbische Musik machen“. In der Oberlausitz, vor allem in der sorbisch-katholischen Region bei Bautzen ist das noch etwas anderes, dort gibt es noch mehr Menschen, die die Sprache sprechen, und stärkere Strukturen. Da entstehen natürlich auch noch mehr Musikprojekte.

 

Die Frage ist aber, ob es hier viele Menschen gibt, die sich die sorbische Musik anhören, vor allem die modernere. In der Musik ist ja Englisch noch die vorherrschende Sprache, Deutsch ist schon recht marginal, Sorbisch dürfte dann ja noch weniger Publikum haben.

Wenn man aus einer markttechnischen Perspektive schaut, dann ist es eine extrem kleine Mini-Nische, die vor allem davon lebt, dass es solche Initiativen gibt, wie wir vom Rundfunk sie machen, dass wir neue Produktionen anstoßen. Es ist natürlich super, super klein.

Die Menschen, die in der Niederlausitz noch Sorbisch sprechen, sind nur einige wenige Tausend. Aber es gibt weit mehr, die sich mit dem Sorbisch-Wendischen identifizieren. Es ist ja Familiengeschichte und regionales Erbe. Ich denke schon, dass es da Leute gibt, die sich freuen, wenn es einen sorbischen Hip-Hop-Titel gibt oder sorbische elektronische Musik. Sowas fehlt ja.

Auf der anderen Seite habe ich von Musikern, die bei uns mitmachen, das Feedback bekommen, dass Menschen ganz positiv überrascht sind, die das dann hören. Es hat eben etwas Exotisches. Wenn sich ein Jazz-Musiker oder eine Jazz-Sängerin hinstellt und sorbisch singt, dann ist es eben nicht das normale Englisch, das alle kennen, dann hat es schon eine Besonderheit, die heraussticht, für die sich die Leute interessieren.

 

Wenn man sorbische Kultur im Blick hat, dann findet man meistens nur Folklore, Trachten, bunt bemalte Ostereier. Ihr setzt jetzt mit SerbPop einen ganz anderen Akzent, bei dem es nicht nur um Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur geht, sondern eher um Revitalisierung. Steckt da auch eine solche Absicht dahinter?

Ja, genau. Mir ist es wichtig, mit aktuellen Genres und Musikstilen gerade auch junge Leute zu erreichen. Zum Beispiel gibt es hier am Niedersorbischen Gymnasium viele junge Leute, die Sorbisch lernen. Wenn sie in die Pubertät kommen, merken sie, dass außerhalb der Schule nicht viel existiert. Da gibt es nur den Chor oder die Trachtentänzer. Wie viele andere Jugendliche hören sie aber eben auch Hip-Hop, R’n’B, und die ganze Mainstream-Musik aus Amerika. Wenn wir solche Musik in sorbischer Sprache anbieten, dann merken sie nicht nur, dass es in Sorbisch geht. Wenn jemand Texte ihrer Lieblingsmusik auf Sorbisch singt, werden vielleicht nicht nur sie selbst, sondern auch noch andere angeregt, die Sprache verstehen zu wollen.

 

Ist das nur ein Projekt vom rbb oder gibt es politische Unterstützung aus anderen sorbischen Institutionen oder von der Landespolitik?

Das ist ein reines rbb-Projekt. Da steckt nicht die Stiftung für das sorbische Volk drin, auch nicht die Domowina. Ich denke, es ist auch nicht entscheidend, denn das sorbische System ist sehr fragil. Ich glaube, dass sich die sorbischen Institutionen über alles freuen, was in irgendeiner Weise etwas Neues verspricht und ein neuer Schritt ist. Vom Sorbischen gibt es schon so wenig, dass es neue Impulse braucht.

 

Zurück zu der Veranstaltung. Können Sie noch etwas zu den Workshops sagen, die angeboten werden?

Im Oktober soll es an zwei Tagen zwei Musik-Workshops geben, die sich an Schüler ab 15 Jahren richten. Und damit meine ich nicht nur Schüler mit sorbischem Hintergrund, sondern natürlich alle Interessenten.  Die Ergebnisse beider Workshops werden dann am 26. Oktober im Gladhouse auf der Bühne präsentiert. Der eine ist am 19.10. mit dem Sound Artist Jakob Ruhl, der selber Sorbe ist und in Leipzig lebt. Von ihm können junge Leute erfahren, wie sie ganz einfach eigene elektronische Beats und Tracks bauen. Er hat dafür das Programm “Soniface“ entwickelt, eine App für Tablet oder für das Smartphone. Im Workshop können die Teilnehmer dann mit sorbischen Fieldrecordings, Archivaufnahmen und Musikversatzstücken ihre eigene Performance mit elektronischer Musik einstudieren.

Der andere Workshop ist bereits am 12.10. und deutlich spezieller. Es kommt die Folk-Band Serbska reja aus Leipzig, die auch sorbische Musik macht.  Mit ihr begeben sich interessierte Instrumentalisten in die Welt sorbischer Tanzmelodien und lernen, wie man sie groovy, hipp und mit Beat schön spielen kann. Das geht ganz in die Richtung angesagter Folk Musik, wie sie in Skandinavien, in Polen, Ungarn oder auch Irland ganz aktuell ist, ohne dieses Folklore-Klischee. Vielleicht hat jemand schon eine Irish Folk Session im Pub erlebt, in die Richtung wird es auch gehen.

Serbska reja bestreitet übrigens den Ausklang des Abends, eine Tanzparty der anderen Art. Das heißt, sie spielen live Folkmusik und dann gibt es eine Tanzanleitung. Wir haben damit super Erfahrungen gemacht, sorbische Volkstänze auf diese Weise weiterzugeben. Man muss sich das so vorstellen, dass Bühne und Publikum nicht getrennt sind, sondern etwas gemeinsam machen. Man muss auch keine Tracht tragen oder einen Partner haben, man wird einfach mitgezogen, die Schritte sind schnell erklärt. Genauso machen sie es aktuell beim Swing, Tango oder ungarischen Tanzhaus, hier eben mit sorbischen Tänzen. Bisher ist das bei den Leuten sehr gut angekommen.

Herr Kliem, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde zuerst in der Cottbuser Kulturzeitschrift Blicklicht (Ausgabe Oktober 2019) veröffentlicht.

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