Colonia Dignidad – Gemeinsam leben mit Missbrauch und Folter

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DEUTSCHE SEELEN - Ein Leben nach der Colonia Dignidad
DEUTSCHE SEELEN - Ein Leben nach der Colonia Dignidad (Foto: polyeides medienkontor münchen berlin)

Die »Kolonie der Würde«, besser bekannt als »Colonia Dignidad«, ist eines der dunklen Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Und man tut sich bis heute schwer damit, die Gräueltaten dieser christlichen Sekte aufzuarbeiten und die Täter zu bestrafen.

Einen Lichtblick gab es im letzten Jahr. Hunderte Opfer der deutschen Sektensiedlung in Chile können erstmals mit einer finanziellen Unterstützung rechnen. Das hat der Deutsche Bundestag im November beschlossen. »Dass die rund 250 Opfer von Zwangsarbeit, Folter und Missbrauch bis heute keinen Cent gesehen haben, widerspricht eklatant den Sonntagsreden unserer Diplomaten über die deutsche Mitverantwortung«, hatte im November Michael Brand, der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, gesagt. Eine Million Euro sind es, die der deutsche Staat in diesem Jahr dafür aufbringen will, in welcher Form, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt: Erst im Sommer soll ein entsprechendes Konzept vorliegen.

Bundesrepublik mit schuldig an Zwangsarbeit, Folter und Missbrauch

Die Geschichte der Colonia Dignidad hat ihren Ursprung im westdeutschen Rhein-Sieg-Kreis. Ihr Gründer, Paul Schäfer aus Siegburg, war 1961 mit 200 Mitgliedern nach Chile ausgewandert. Rund 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile gründeten sie die »Kolonie der Würde«, in der sie streng abgeschottet von der Außenwelt lebten. Ihr Alltag war geprägt von Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Zwangsarbeit und Sklaverei, Kindesmissbrauch und Folter. Einige der Täter leben wieder in Deutschland, aber die juristische Aufarbeitung ihrer Verbrechen kommt nicht voran.

Das könnte damit zusammenhängen, dass dann auch nach der Mitschuld der Bundesrepublik, ihrer Politiker und Diplomaten gefragt werden müsste. Im Jahr 2016 freigegebene Akten des Auswärtigen Amtes legen nahe, dass man in der deutschen Botschaft in Chile schon früh von den Zuständen in der Kolonie wusste. Im Laufe der Jahre war einigen Sektenmitgliedern die Flucht nach Santiago geglückt. Geholfen wurde ihnen nicht, obwohl sie von Folterungen und Vergewaltigungen berichteten. Als der deutsche Botschafter Erich Sträfling die Kolonie 1977 besuchte, sagte er lapidar: »Die Versammelten machten keineswegs den Eindruck von Gewaltmenschen«. Die Kolonie sei vielmehr eine »vorbildlich gebaute und bewirtschaftete Siedlung«.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte 2016 nach einer Aufführung des Films »Colonia Dignidad«, der Umgang mit der Kolonie sei kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Auswärtigen Amtes. »Über viele Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut, jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in der Kolonie getan.«

Kein Ruhmesblatt für deutsche Behörden

Es ist aber nicht nur für das Auswärtige Amt »kein Ruhmesblatt«, sondern auch für andere. Der frühere bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) besuchte die Kolonie, wie es die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung vor einigen Jahren erklärte. Auch der Bundesnachrichtendienst hatte Verbindungen zur Colonia Dignidad. Offenbar waren die Verbindungen nicht nur formeller Natur: Besonders das rechts-konservative Lager der deutschen Politik nutzte die Colonia Dignidad für die Kooperation mit den chilenischen Faschisten – sowohl vor dem Putsch von General Augusto Pinochet als auch danach.

Der Journalist Gero Gemballa hat zwei Bücher über die deutsche Sektensiedlung geschrieben und deutlich gemacht, dass ein institutionelles Geflecht aus deutschen, chilenischen und internationalen Wirtschafts- und Geheimdienstinteressen, Waffenschieberei und aktiver Komplizenschaft bei der Ermordung von Gegnern des Pinochet-Regimes bestand. Und man habe versucht, die Dignidad unantastbar zu machen, was eine juristische Aufarbeitung bis heute schwer macht.

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Die Führung der Colonia Dignidad hatte Kontakte zu der rechtsextremen Gruppierung »Patria y Libertad«. Es wurden illegal Waffen und Munition über den Seeweg aus Deutschland eingeführt, die dann unter anderem an die Faschisten weitergegeben wurden. Nach dem Militärputsch und dem Sturz der sozialistischen Regierung unter Salvador Allende wurde die Kolonie zu einer Operationsbasis des Pinochet-Geheimdienstes Dirección de Inteligencia Nacional (DINA). Sie diente auch als Stützpunkt des Projektes »ANDREA« (Alianza Nacionalista de Repúblicas Americanas). In diesem Projekt sollte die Zusammenarbeit lateinamerikanischer Nationalisten, Geheimdienstler und Antisemiten gestärkt werden. Die Freundschaft zum faschistischen Pinochet-Regime ging bis in die höchsten Kreise. Pinochet selbst und andere Generäle waren Gäste der Sekte.

Sekte unterstützt Faschisten

Besonders die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung förderte das Pinochet-Regime und die Colonia Dignidad. Bis Mitte der 1990er-Jahre war zum Beispiel ein signiertes Bild des CSU-Politikers Franz Josef Strauß an prominenter Stelle aufgehangen. Nachdem Amnesty International (AI) 1977 Foltervorwürfe gegen die Sekte erhob, reichte diese 1977 vor dem Bonner Landgericht eine Unterlassungsklage ein. Der Jurist und Vertrauensdozent der Hanns-Seidel-Stiftung Dieter Blumenwitz beriet im Auftrag der Stiftung das Pinochet-Regime in Verfassungsfragen und vertrat die Colonia Dignidad auch im Prozess gegen AI vor Gericht. Rechtskonservative Politiker stellten sich schützend vor die Sekte und agierten gegen deren Kritiker, wie beispielsweise Norbert Blüm einer war.

Jeanette Erazo Heufelder erklärte in einem Artikel für die Wochenzeitung »Die Zeit« (22. August 2013) die enge Zusammenarbeit mit ideologischen Motiven: »Man teilte sich mit dem Regime den kommunistischen Erzfeind und die Vorliebe für die neoliberalen Wirtschaftsthesen des Ökonomen Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992), der einem starken Staat den Vorzug gab, welcher mit großer Härte gegen alles vorgeht, was das freie Spiel der Marktkräfte beeinträchtigt. Zum Beispiel starke Gewerkschaften oder sozialistische Experimente wie unter Allende«. Adolf Hitler betrieb in den ersten Jahren seiner Diktatur eine ähnliche Politik.

Was war das aber für eine Sekte, die von den Mächtigen in Deutschland und Chile unterstützt und gefördert wurde? Ihre Anfänge liegen in den Nachkriegsjahren in Westdeutschland.

Ursprung einer pädophiler Sekte

Sektenchef Paul Schäfer arbeitete in der Gründerzeit der Bundesrepublik in Jugend- und Erwachsenenheimen. Die Arbeitsverhältnisse waren nicht von langer Dauer. Ihm gelang es, Jugendliche um sich zu scharen. Er propagierte einen neuen christlichen Glauben und konnte die jungen Menschen begeistern. 1954 gründete er mit seinen Getreuen die »Private Social Mission«, aus der christlich orientierten Gruppe wurde eine fanatische Sekte, deren oberstes Prinzip der blinde Gehorsam zu ihrem Führer Paul Schäfer wurde. Sexuelle Enthaltsamkeit und der Verzicht auf familiäre Bindungen waren fester Bestandteil ihrer Glaubenslehre. Wer dagegen verstieß, wurde körperlich misshandelt oder psychisch unter Druck gesetzt.

1961 änderte sich einiges für Schäfer, da bekannt wurde, er habe sich an mehreren Jungen sexuell vergangen. Die Staatsanwaltschaft Bonn nahm Ermittlungen auf, und Schäfer floh nach Chile mit rund 200 seiner Anhänger. Die waren auf die Übersiedlung vorbereitet worden mit religiösen Geschichten über die »Ankunft des Herrn«, dem nahen Ausbruch des Dritten Weltkriegs und einer Invasion der »Russen«. Manchen Eltern, deren Kinder man mitnahm, wurde gesagt, es handle sich nur um eine »Chorfahrt«. Von ihr kehrte aber niemand zurück.

In Chile wurde dann auf einem rund 13.000 Hektar großen Gelände die Siedlung aufgebaut. »Arbeit ist Gottesdienst« war die Leitlinie der Sekte und darauf gründete sich eine Art Frondienst, die jedes Sektenmitglied zu täglicher, unbezahlter Arbeit verpflichtete. Sie rodeten Wälder, bauten Wege und Dämme, Wohngebäude, eine Mühle und ein Krankenhaus. Umschlossen wurde das Gelände von einem 2,80 Meter hohen Zaun. Im Inneren herrschte Schäfer despotisch. Außer Arbeit, dem Singen deutscher Volkslieder und dem Lauschen der endlosen Predigten Schäfers, war im Tagesablauf der »Siedler« nichts weiter vorgesehen. Hinterfragen durfte das niemand, schon das Fragen hatte brutale Bestrafung zur Folge.

Familie galt als verpönt

Der Journalist Paul Heller, der in seinem Buch »Lederhosen, Dutt und Giftgas« über die Kolonie schrieb, meinte, zentrales Element der Sektenideologie sei die Unterdrückung der Sexualität gewesen: Männer und Frauen schliefen und arbeiteten getrennt, Ehen wurden nicht zugelassen. Keiner der jungen Siedler sei aufgeklärt worden. Einem anderen Bericht zufolge sei in Schulbüchern alles zugeklebt worden, was mit Familie zu tun hatte.

Den Vorteil zogen Schäfer und sein engster Führungszirkel daraus: Sie missbrauchten andere systematisch. In Berichten heißt es, Schäfer habe jahrzehntelang die Jungen jeden Tag zu sich kommen lassen und sie missbraucht. Eines der Opfer gab 1997 dem »Spiegel« ein Interview und dort heißt es: »Mit der Zeit gewöhnt man sich an den sexuellen Mißbrauch, man wird immun dagegen. Es hat keinen Sinn, sich Schäfer zu widersetzen. Er hat immer eine Pistole griffbereit auf dem Nachtschrank. Und alle da draußen sind auf seiner Seite«.

Nach dem Sturz von Pinochet wird die Colonia Dignidad in den 1990er Jahren aufgelöst. Schäfer wird von den Behörden wegen des Missbrauchs von über 20 Jungen angeklagt und eingesperrt. Er stirbt wenig später im Gefängnis. Andere Täter flohen, unter anderem nach Deutschland, und entgingen bislang der Strafverfolgung. Viele Sektenmitglieder blieben in der »Kolonie«, die heute für Touristen als »Villa Baviera« offen ist. Dort leben heute weiterhin Folterer und Gefolterte, Missbrauchte und Täter zusammen.

Gemeinschaft soll erhalten bleiben, gemeinsame Suche nach Lösungen

Der 2008 gedrehte Film »Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad«, der Ende Februar im Obenkino gezeigt wird, beschäftigt sich mit diesen Menschen, die weiterhin in der Gemeinschaft leben und gemeinsam nach Lösungen suchen wollen.

Im Zentrum des Films stehen aber nicht die Verbrechen. Regisseur Matthias Zuber sagte einmal im Interview, dass die Verbrechen nur insofern in dem Film vorkommen, »so weit wir diese benötigen, um die Situation der Menschen zu beschreiben, die wir begleiten«. Es gehe vielmehr darum, was ein gewalttätiges, totalitäres Regime mit Menschen macht, und wie diese »nach dem Ende dieses Systems mit ihrer Geschichte, ihren Traumata, ihrem Tätersein, ihrem Opfersein« umgehen.

Mit einem einfachen Gut-Böse-Schema lässt es sich seiner Meinung nach nicht aufarbeiten. Denn in so einem System sind »Opfer« unter Umständen auch »Täter« und viele der »Täter« sind auch »Opfer«. Und wer nie etwas anderes kennengelernt hat, wer in einem solchen System sozialisiert wurde, wird vermutlich auch immer in dem Glauben handeln, das Richtige zu tun. Aber die Schuld, um mit den Worten der Philosophin Hannah Arendt zu sprechen, die jeder Einzelne auf sich geladen hat, muss von ihm anerkannt und eingesehen werden. Auch wenn es ein schmerzhafter Prozess ist, ohne ihn gibt es weder Aufarbeitung noch Zukunft für die Gemeinschaft.

Dieser Ansatz macht den Film interessant, denn ähnliche Problemlagen gibt es auch in anderen Gesellschaften. Nicht nur die Vergangenheit der pädophilen Sekte sollte im Sinne von Hannah Arendt aufgearbeitet werden.

 

Zum Film:

DEUTSCHE SEELEN – Leben nach der Colonia Dignidad
BRD 2008/2009 92 Min
Regie: Matthias Zuber und Martin Farkas
FSK: ab 12 Jahren

Der Film läuft am 28. Februar um 19 Uhr im Obenkino.

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