„Schöne neue Welt“ – Aldous Huxleys Roman in einer Neufassung an der Neuen Bühne Senftenberg

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Schöne neue Welt
Schöne neue Welt (Foto: Steffen Rasche / neue Bühne Senftenberg)

Die Regisseurin Samia Chancrin und die Dramaturgin der Neuen Bühne, Katja Stoppa, entwickelten eine eigene Bühnenfassung mit einer Neuübersetzung eines der berühmtesten Science-Fiction- Romane des 20. Jahrhunderts, die am 1. und 2. 12.2018 in der Studiobühne des Theaters Premiere hatte.

Aldous Huxley(1894-1963), englischer Romanschriftsteller und Philosoph, entwickelte in seinem 1932 herausgegebenen Roman die negative Utopie einer Gesellschaft, in der der standardisierte Mensch in einem Kastensystem lebt und eine übergeordnete wissenschaftliche Diktatur errichtet wird. Damit soll eine völlig regulierte und geordnete Gesellschaft entstehen. Die Menschen kommen nicht mehr auf natürlichem Wege auf die Welt, sondern werden in Laboratorien herangezogen und schon während der embryonalen Phase und während ihrer gesamten Entwicklung manipuliert und indoktriniert. Jeder ist so konditioniert, dass er bzw. sie zufrieden ist, zur eigenen Kaste zu gehören. Man kann nur in Gemeinschaft glücklich sein, die Sehnsucht nach Alleinsein, nachdenken oder gar zweifeln, nicht happy sein sind schlechte Verhaltensweisen. Jeder ist für jede da und umgekehrt, es gibt keine Eifersucht, keine Trauer, keine Armut, keine Krankheit, kein Altern. Um eventuelle Gefühlsschwankungen sofort aufzufangen, steht eine eigens entwickelte Droge ohne (angebliche) Nebenwirkungen jedem jederzeit zur Verfügung. Viele verschiedene sexuelle Kontakte sind ausdrücklich erwünscht und dienen nur dem Vergnügen.

In erster Linie spielt sich die Romanhandlung zwischen Menschen der obersten Kaste, der sogenannten Alphas, ab. Auch bei total durchstrukturierten Systemen passieren Fehler, und so ist einer der Protagonisten, Bernard Marx, sowohl körperlich nicht ganz normgerecht, als auch in seinem Verhalten anders als die anderen. Er wünscht sich insgeheim ein monogames Verhältnis zu der Alpha Lenina, was die wiederum nicht versteht. Aber sie reist mit ihm in eines der Reservate, in denen sogenannte Wilde in ungebändigter Natur leben und die offensichtlich für Abenteuerurlaube der Alphas und Betas hinter stark gesicherten elektrischen Zäunen belassen sind. Als Bernard den „Wilden“ John und dessen Mutter von diesem Urlaub in die Welt der oberen Kasten mitbringt, wird das geschlossene System zumindest in Frage gestellt.

Den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Romans bilden das politische System des Totalitarismus der Stalinzeit und das wirtschaftliche System des amerikanischen Fordismus nach dem ersten Weltkrieg.

Die Autorinnen der Senftenberger Aufführung haben ihr Stück für sieben Schauspieler*innen und für den Raum der Studiobühne konzipiert. Die Bühnen- und Kostümbildnerin Lea Reusse erdachte eine sehr schöne, praktikable Lösung für die wechselnden Handlungsorte. Um zu Beginn der Handlung den Laborbesuch von Studenten, die die Produktion von Menschen kennenlernen sollen, zu verdeutlichen, wurde von einer der Schauspielerinnen eine Livekamera auf der Bühne bedient. Die sollte Videos von kleinen Modellen, die sich in einer Klappe der Bühnenbildwand drehten, auf eine Projektionsfläche werfen. Die Zuschauer*innen, die sich in der Rolle der Studenten wiederfanden, wurden so mitten ins Geschehen hineinversetzt und bekamen die Ausführungen des Direktors bebildert. In der Sonntagsvorstellung passierte da erst einmal eine Panne, die aber, wie so oft, nicht auf technisches, sondern auf menschliches Versagen zurückzuführen war. Der Akku der Kamera war leer… Eigentlich ein sympathisches Malheur, das schon ahnen ließ, dass in dieser schönen neuen Welt bei weitem nicht alles perfekt sein wird.

Die Regie bot vieles auf, um das Geschehen abwechslungsreich zu gestalten. Es wurde mehrstimmig gesungen und chorisch gesprochen. Für die Rituale, die die genormten Menschen absolvieren mussten, hatte Franziska Golk mit den Schauspielern nette choreographische Abläufe, die meist etwas zu lang gerieten, entwickelt. Damit ist die erste Stunde der Vorstellung interessant und spannungsgeladen. Die Senftenberger Stückfassung folgt dem Roman ziemlich genau und übernimmt auch Huxleys interessanten Wechsel von zeitgleichen Gesprächen zwischen den beiden Frauen Lenina (Alrun Herbig) und Fanny (Anne Schönberg), den Ausführungen der Weltbereichscontrollerin Morgana Mond (Catharina Struwe), dem Dialog zwischen zwei Männern (Patrick Gees und Michael Zehentner) und den Kommentaren des frustrierten Bernard Marx (Tom Bartels). Das ist sehr dicht und interessant. Ob es nun an einer Umbesetzung vor der Premiere lag, an der Regieführung oder an der schauspielerischen Leistung, die Darstellung des John durch Patrick Gees war öfter nicht überzeugend. Konzeptionell fraglich bleibt z.B. auch, warum die „Wilden“ in der cleanen Welt der Alphas die ganze Zeit über dreckig und in ihrer unsauberen Kleidung agieren müssen. Der zweite Teil wirkte über weite Strecken etwas zäh, und eine Pause wäre zuschauerfreundlicher gewesen wäre.

Eindrucksvolle Leistungen zeigten vor allem die Damen Catharina Struwe als Morgana Mond, die durch die Umbesetzung auch noch die Rolle der Linda übernehmen musste, und Alrun Herbig als Lenina Crowne.

Dass uns Huxleys als Satire angelegter Roman, der auch die Regie grundsätzlich folgt, nicht wirklich zum Lachen bringt, liegt vor allem daran, dass uns durch diesen Abend erschreckend bewusst gemacht wird, wie nah unser aktueller Entwicklungsstand den dystopischen Gedanken des britischen Autors gekommen ist. Gerade alarmierte uns die Nachricht aus einem chinesischen Labor, dass dort erstmals genmanipulierte Babys zur Welt gekommen sind. Der Theaterabend sollte auf jeden Fall Anregung sein, Huxley wieder zu lesen, und da auf jeden Fall seinen großen Essay „Wiedersehen mit der schönen neuen Welt“.

Angelika Koch

Blicklicht-Cover Januar 2019: "Die Krake" von Nastassia Adamski
Blicklicht-Cover Januar 2019: “Die Krake” von Nastassia Adamski

 

Diese Theaterbesprechung veröffentlichten wir als erstes in der Januar-Ausgabe unserer Kulturzeitschrift “Blicklicht”.

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