Stadtpromenade – die unendliche Geschichte

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Initiative
(Bild: Initiative "Stadtpromenade für alle")

1966 begann mit Abrissarbeiten die größte Umgestaltung in der Geschichte der Cottbuser Innenstadt. Es dauerte ein Jahrzehnt, bis 1977 mit den Pavillons der letzte Bestandteil des preisgekrönten Innenstadtensembles „Stadtpromenade“ fertiggestellt wurde. Ein Jahrzehnt, welches das Gesicht der Stadt nachhaltig veränderte.

Mit dem Ende der DDR hielten neue Prioritäten in der Stadtentwicklung Einzug. Große Einkaufscenter galten als erstrebenswert. Als 2011 mit den Pavillons die letzten „überflüssigen“ Elemente der DDR-Innenstadtgestaltung wichen, prognostizierten Stadtverwaltung und Investor, dass noch das Weihnachtsgeschäft 2012 im sogenannten 2. Bauabschnitt stattfinden würde. Seitdem ist bald wieder ein Jahrzehnt vergangen und passiert ist – nichts. Wie eine Wunde klafft ein großes Loch im Herzen der Stadt.

Die Ursachen dafür sind komplex. Wer einfache Lösungen wie „da muss jetzt einfach mal etwas passieren“ proklamiert, hat das Problem nicht verstanden. Fakt ist: Das Gelände hat nie der Stadt gehört, sondern ist Teil des Desasters rund um die Treuhandanstalt. Jene Einrichtung, welche Ostdeutschland mit kapitalistischem Wohlstand beglücken sollte. Heute wissen wir, dass vielmehr Deindustrialisierung, Arbeitsplatzverluste und gebrochene Erwerbsbiografien die Folgen waren. In diese Reihe fügt sich auch das Cottbuser Zentrum ein.

Deshalb ist es richtig, wenn die Linksfraktion im Bundestag die Aufarbeitung der Treuhandgeschichte durch einen Untersuchungsausschuss fordert. Doch so, wie die Auswirkungen des Privatisierungswahns der Neunziger vor Ort in der Stadtpromenade sichtbar sind, muss auch Aufklärungsarbeit vor Ort geleistet werden. Hierfür hat DIE LINKE in der Stadtverordnetenversammlung einen Beschluss durchgesetzt, eine öffentliche Informationsveranstaltung zur sogenannten Brachfläche durchzuführen. Inzwischen weiß man, diese wird am 19. Dezember 2019 im Stadthaus stattfinden.

Auch nach der jüngsten Baugenehmigung im April 2018 ist wieder kein Fortschritt erkennbar. Mittlerweile wird ein neuer Investor gesucht. Scheinbar sind auch die verschiedenen Geldgeber von dem Vorhaben eines weiteren Einkaufszentrums nicht nachhaltig überzeugt. Wie auch: Gebaut werden soll weitere Verkaufsfläche, die Cottbus schlichtweg nicht braucht.

Alternativen gibt es. Eine davon: Ein moderner, transparenter und für alle zugänglicher Verwaltungsbau, damit das überteuerte Mietobjekt in der Berliner Straße endlich aufgegeben werden kann. Voraussetzung für alle Ideen ist aber, dass die Stadt das Grundstück erwirbt und selbst entwickeln kann. Das dies gelingt, ist nicht sicher. Aber eine politische Mehrheit braucht man dafür allemal. Hierfür lassen derzeit noch zu viele Parteien Zaghaftigkeit Vorrang vor Mut und Gestaltungswillen.

Welche Fehler wurden in der Vergangenheit gemacht? Wer hat aus welchen Gründen welche Entscheidungen getroffen? Welche Alternativen hätte es gegeben und wie sind wir in die derzeitige Situation gekommen? Diese Fragen muss die Informationsveranstaltung am 19. Dezember beantworten. Welche Möglichkeiten es für die Zukunft gibt und wie die Stadtpromenade wieder ein attraktives, sinnvoll genutztes Herz der Stadt werden kann, muss die Stadtpolitik beantworten.

Christopher Neumann

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Dezember-Ausgabe der Cottbuser Kulturzeitschrift “Blicklicht”.

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