Standpunkt: Herzlich Willkommen in unserer Demokratie

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Rapper
Rapper (Foto: Pixabay/CC0)

„Herzlich willkommen in der Demokratie. Wo du weggesperrt wirst, wenn du anders denkst als sie.“ Die Textzeile findet sich im Track eines Cottbuser Musikers. Conny, denke ich, was meint der sympathische Typ? Solidarität mit Unterdrückten, mit inhaftierten Journalisten, Menschenrechtlern, Lehrern usw.?

Nö, der Track heißt „Europa fällt“! Bebildert mit tendenziösen Szenen aus Frankreich und Deutschland, Polizei auf Gelbwestenproteste, Merkel im Bundestag, Geflüchtete mit hochgerecktem Finger, mit Bildern von Demonstrationen aus Chemnitz und Cottbus, im Heldenfokus die „besorgten Bürger“. Währenddessen läuft er durch die Stadt, yo, und rappt, yeah, vor netten Schmuddelecken. Danke, „Bloody von hier“, für die tolle Außenwerbung! Für die krude Message nutzt er HipHop. Also echt! Auch der Rap selbst hat ja bekanntlich schwarze, in dem Fall jamaikanische, Wurzeln und geht auf „Toasting“ zurück, meint: sich oder etwas feiern im Sinne von „hoch loben“.

Was dieser Song „feiert“, ist aber der Wunsch nach einem Volksaufstand gegen Unterdrückung, Indoktrinierung und Zensur, vermischt mit jeder Menge Verschwörungstheorie, Beispiel Bevölkerungsaustausch. „Und wir kämpfen für die Freiheit einer ganzen Nation, stürzen die Tyrannen heute von ihrem Thron.“ Ok, ich kann Wildheit verstehen, begrenzt auch die Sehnsucht nach einem Heldenbild. Immerhin kommt Rapper Bloody32 aus der Hooligan-Szene, da (be)stimmt der Testosteronpegel. Vielleicht braucht es ja bei den Projekten zum künftigen Ostsee ein „Abenteuerkampfspielplatzareal“ zum „Pyrowerfennachherzenslust“, ein modernes Kolosseum, damit es auch weh tut.

Wenn sich dann alle großen und kleinen Jungs ausgetobt haben und wieder im „Denkhirn“ sind, können wir über Fakten reden. Erstens, hätten wir eine so derartige „Demokratie“, ständen auf unseren Straßen nicht ständig grölende ZH-Anhänger. Wir würden es einfach verbieten. Zweitens säße unser rappender Cottbuser wohl schon hinter türkischen, äh, schwedischen Gardinen (nicht nur für den Song), doch der Brandenburger Innenminister fand Anfang 2018, dass sich einige Texte zwar asylkritisch mit der Flüchtlingspolitik beschäftigen, aber „…Rassistische, volksverhetzende oder gewaltverherrlichende Inhalte wurden bisher nicht bekannt.“ Nee, oder? Bloody32 schafft es nicht mal auf den Index! Und drittens: Wir würden den ganzen „entarteten Kram“ einfach verbrennen und Staats- und Verfassungsgegner einbuchten. Doch da hat er ja noch mal Glück gehabt! Willkommen in unserer Demokratie.

Herzklopfen!

Eure Conny

P.S. Eigentlich hätte am 09. März ein Konzert mit Bloody32 in CB stattfinden sollen. Es findet nicht statt. Kein Verbot, wohl aber vernünftige Betreiber von Veranstaltungsorten.

Der Beitrag erschien zuerst in der März-Ausgabe unseres Kulturmagazins “Blicklicht”. 

Anmerkung der Redaktion: In Hoyerswerda gab es scheinbar weniger vernünftige Betreiber von Veranstaltungsorten. Nachdem das Konzert nicht in Cottbus stattfinden konnte, wurde es nach Hoyerswerda verlegt.

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