Vom Muggefug ins Stadtparlament: Eine Geschichte von widerständiger Solidarität und Kulturarbeit

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Robert Amat Kreft hinter dem Tresen des QuasiMono
Robert Amat Kreft hinter dem Tresen des QuasiMono (Foto: Sarah Fartuun Heinze)

Viele Geschichten über Ostdeutschland erzählen eine des wirtschaftlichen Niedergangs, der Überalterung, der sozialen Probleme und über den Rechtsextremismus. Doch 30 Jahre Mauerfall bedeutet auch 30 Jahre subversive, kreative, politische Kulturarbeit. Vor 25 Jahren kam Robert Amat Kreft nach Cottbus; eine Stadt in Brandenburg, mit vielen Geschichten über neonazistische Strukturen und wirtschaftliche Verlierer und weniger erzählten Geschichten, wie jene über Robert.

Doch wer ist Robert Amat Kreft? Bewegt man sich durch Cottbus ist sein Name vor allem mit Dreierlei ganz eng verwirkt: Mit der “Blicklicht”, dem Kulturmagazin für Cottbus und die Lausitz, mit der SUB, der Listenvereinigung “Sozialer Umbruch”, und mit dem QuasiMono, einem kulturellen Freiraum samt Barbetrieb. Vor allem die „Blicklicht“ ist in der Cottbuser Kulturszene quasi allgegenwärtig, zudem steht die Kommunalwahl in Cottbus unmittelbar bevor und als ich eines Abends im Quasimono ein Wahlplakat der SUB sah, erschien mir ein Gespräch gerade mit Robert über das Thema dieser Reportage mehr als naheliegend.

An einem Dienstagnachmittag erzählt mir Robert im QuasiMono seine Geschichte mit Cottbus, und zeichnet so gleichzeitig eine Chronik von 25 Jahren subversiver Kulturarbeit. Es ist ruhig, der tägliche Barbetrieb beginnt erst am frühen Abend. Robert hat es sich auf einem der wenigen Sessel im Raum gemütlich gemacht, blickt immer wieder durch die große Fensterfront hinaus und nimmt mich mit seiner unaufgeregten, aber lebendigen Art und einer Stimmfarbe wie frisch gezapftes Pupen-Schultze Schwarzbier mit auf eine Reise, die ihren Anfang 1994 nimmt.

Es war eine gänzlich andere Zeit, die Nachwirkungen der Wende waren noch zu spüren, eine Zeit großer Unsicherheiten, ein Dämmerland irgendwo zwischen drüben und dort, aber auch eine Zeit die Robert als spannend beschreibt und voll von kreativen Freiräumen. Zwei dieser kreativen Freiräume waren das Chekov, “(…)ein Kollektiv aus verschiedensten, ehrenamtlich tätigen Menschen, die einen selbstverwalteten Freiraum im Herzen von Cottbus, direkt an der Spree geschaffen haben”, und das Muggefug, ein von Studierenden ehrenamtlich organisierter Verein in dem Konzerte, Lesungen oder einfach Thekenabende stattfinden. Robert arbeitete von ’96 bis 2004 im Muggefug mit, mal im Vorstand, mal als Finanzer, mal als reguläres Mitglied. 2001 war dann das Jahr in dem sich unterschiedlichste Cottbuser Kulturschaffende gemeinsam dazu entschlossen, erstmals die “Blicklicht” zu gründen, damals noch als Teil des Muggefug e. V. Robert erinnert sich noch gut an diese Zeit:

“(…) Wir mach(t)en so viel Kultur und so viel Livemusik (…) uns fehlte das Geld für Werbung (…) ‘Wie wär’s, wenn wir eine Zeitung eröffnen, die unsere Werbung trägt?’ (…)”

Gesagt getan. Die Zeitung lief so gut, dass bald Befürchtungen laut wurden, eine weitere Verschränkung von Vereinsarbeit und der „Blicklicht“ könnte zu einer inhaltlichen Umgewichtung des Muggefug e. V.  führen, und so wurde 2004 kurzerhand der „Blattwerk e. V.“ gegründet, auch wenn sich Muggefug und „Blicklicht“ immer noch ein Haus teilten. Nur wurde dieses Haus eines Tages verkauft, so dass beide Parteien sich neue Räume suchen mussten: Für die „Blicklicht“ war das das QuasiMono, welches 2006 vom „Blattwerk e. V.“ eröffnet wurde.

Heute ist Robert Muggefug-Ehrenmitglied, denn nach acht Jahren aktiver Vereinsarbeit wollte er bewusst Anderen Platz machen. Die Idee für die SUB entstand auch in dieser Zeit, genauer nach einem Versuch der damaligen Oberbürgermeisterin, die in Form von Anrufen verschiedene Initiativen und Gruppen, die die „Blicklicht“ unterstützten, unter Druck setzte und unterschwellig aber deutlich damit drohte, die Finanzierung der jeweiligen Einrichtungen maßgeblich zu beschneiden. Anlass dafür war ein Artikel in der „Blicklicht“ zum geplanten Abriss einer gerade eben komplett modernisierten Schwimmhalle durch die Stadt Cottbus.

Robert erinnert sich: “Die politische Unterstützung hat damals gefehlt (…)” So stand bald fest: “Wir müssen in die Politik rein”, was sich dann 2010 in die Tat umsetzte, aber erst 2014 von Erfolg gekrönt war: Und so zog Robert für die SUB in die Stadtverordnetenversammlung ein, wo er sich in seiner Amtszeit für frei zugängliches und kostenfreies WLAN oder ein günstiges Verkehrsticket für alle einsetzte. Zu den Erfolgen der SUB gehören weiterhin die Abschaffung der Vergnügungssteuer für Kulturschaffende, die Speicherung der Liveübertragung der Stadtverordnetenversammlung und Ausschüsse sowie die Erhöhung der Studierendenprämie. Er hofft auf eine Wiederwahl bei der anstehenden Kommunalwahl.

In der Rückschau auf die vergangen 25 Jahre wird vor allem eins deutlich: Je mehr sich ändert, je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher wird auch, warum subkulturelle Kulturarbeit in Cottbus schon so lange auf einem solidarischen, gemeinsamen Arbeiten fußt. Robert dazu: “Wir treffen uns nicht regelmäßig sondern versuchen persönlich Kontakt aufzunehmen und die verschiedensten Projekte gemeinsam zu gestalten (…) Durch die Tätigkeit und die Arbeit kommt man sich näher (…) Wenn du mit Leuten eine Gemeinsamkeit finden möchtest, dann tust du’s bei der Arbeit, durch die Erstellung eines Kurzprojektes (…) dann siehst du auf einmal sein Techniklager (…) Du fängst an die Struktur und ihre Art des Lebens kennenzulernen und zu sehen (…) manchmal lernt man sogar voneinander”. So ist auch Roberts Blick in die Zukunft nur stimmig:

“Ich mach’ das sehr gerne und das wird auch so weiter gehen, und ich hoffe das dieses organische Wachsen einfach weiterläuft”

Sarah Fartuun Heinze

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